BGHZ 79, 232
Vgl. auch BGHZ 73, 355
Ist der Untermieter von Gewerberaum infolge wirksamer fristloser Kündigung des Hauptmietvertrages zum Besitz nicht mehr berechtigt, so kann er Ersatz des Nutzungsschadens, der in der Beeinträchtigung der Möglichkeit liegt, die Sache zu gebrauchen, vom (Haupt-) Vermieter auch dann nicht verlangen, wenn dieser ihm den Besitz durch verbotene Eigenmacht entzogen hat (Bestätigung von BGHZ 73,355).
Die Klägerin vermietete mit Vertrag vom 29.
März 1972 einen ca. 4000 qm großen abgetrennten Teil einer Halle
mit dazugehöriger Laderampe auf ihrem Grundstück M. Straße
36-38 in B. an die Firma A. GmbH & Co. KG (= A. = Hauptmieterin). Den
größten Teil des Mietobjekts vermietete die Firma A. für
die Zeit vom 5. November 1973 bis 31. Dezember 1975 an die Beklagte zu
einem monatlichen Mietzins von 16 800,11 DM einschließlich Mehrwertsteuer
weiter.
Mit Anwaltsschreiben vom 24. Mai 1974 kündigte
die Klägerin den Hauptmietvertrag wegen Mietrückstands fristlos.
Mit gleicher, bei der Beklagten am 29. Mai 1974 eingegangener Post forderte
die Klägerin diese auf, den Untermietzins ab Juni 1974 nicht mehr
an die Firma A., sondern an sie, die Klägerin, zu zahlen. Die Klägerin
forderte die Beklagte gleichzeitig auf, mit ihr einen Mietvertrag abzuschließen
oder unverzüglich zu räumen. Bei einem Telefongespräch am
29. Mai 1974 verlangte der Geschäftsführer der Klägerin
von dem Vertreter des verreisten Inhabers der Beklagten, der Mietzins für
Juni müsse bis zum 4. Juni 1974 in seinen Händen sein, andernfalls
werde er die Beklagte »aussperren«. Zahlung erfolgte nicht.
Darauf ließ die Klägerin am 4. Juni 1974 Hallen- und Rampenzugänge
versperren. Den Arbeitnehmern der Beklagten verweigerte sie den Zutritt.
Mit Hilfe einer einstweiligen Verfügung gelangte die Beklagte am 19.
Juni 1974 wieder in den Besitz des Mietobjekts.
Die Klägerin hat die Beklagte auf Zahlung
von 384 316,16 DM in Anspruch genommen. Dieser Betrag setzt sich aus 23
Einzelpositionen (u. a. Untermietzins, Strom-, Heiz-, Be- und Entwässerungskosten,
Reparaturkosten u. ä.) zusammen. Die Firma A. hat der Klägerin
Ende November 1974 ihre Ansprüche aus dem Untermietvertrag abgetreten.
Die Beklagte hat die Untermietzinsforderung dem
Grunde nach nicht bestritten, jedoch Minderung für die Dauer der Vorenthaltung
geltend gemacht und demgemäß rechnerisch 108 640,77 DM anerkannt.
Im übrigen ist sie den Ansprüchen entgegengetreten. Ihr zustehende
Gegenansprüche hat sie auf insgesamt 480 069,82 DM beziffert. Sie
hat sie zur Aufrechnung gegenüber der Klageforderung gestellt und
im Betrag von 117 259,23 DM widerklagend geltend gemacht.
Das Landgericht hat die Beklagte unter Klageabweisung
im übrigen verurteilt, an die Klägerin 18 085,15 DM und Zinsen
zu zahlen. Die Widerklage hat es abgewiesen.
Gegen diese Entscheidung haben beide Parteien
Berufung eingelegt.
Durch Teilurteil ist die Beklagte im zweiten Rechtszug
verurteilt worden, an die Klägerin 94 880,94 DM und Zinsen zu zahlen.
Unter teilweiser Zurückweisung beider Berufungen ist die Klage wegen
eines 108 751,58 DM übersteigenden Betrages, die Widerklage in Höhe
von 109 140,17 DM abgewiesen worden.
Die Revision der Beklagten ist erfolglos geblieben.
Aus den Gründen:
A.
I. Es besteht kein Streit mehr darüber, daß
eine Forderung der Klägerin in Höhe von 108 640,77 DM gegen die
Beklagte aufgelaufen ist. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Untermietzins.
Für die fragliche Zeit von Juni bis Dezember 1974 stand der Firma
A. gegen die Beklagte ein Anspruch auf Untermietzins, den sie der Klägerin
hätte abtreten können, nicht mehr zu; denn aufgrund der unstreitig
wirksamen fristlosen Kündigung des Hauptmietvertrages war die Firma
A. wegen des Räumungsverlangens der Klägerin (§ 556 Abs.
3 BGB) nicht mehr in der Lage, der beklagten Untermieterin den vertragsgemäßen
Gebrauch des Mietobjekts zu gewähren (Senatsurteil BGHZ 63,132,137
ff). Auf den Betrag von 108 640,77 DM hat die Klägerin indessen Anspruch
aus eigenem Recht als Nutzungsentschädigung.
II. Von sämtlichen anderen mit der Klage
noch geltend gemachten Forderungen hat das Berufungsgericht der Klägerin
lediglich 110,81 DM Wassergeld zuerkannt. Das greift die Beklagte mit der
Revision nicht an.
III. Da die Klägerin kein Rechtsmittel eingelegt
hat, steht somit rechnerisch eine Klageforderung von 108 751,58 DM fest.
II. In der Revisionsinstanz war die Verneinung
von Ersatzansprüchen der Beklagten aus den Komplexen L. und Schl.
zu überprüfen.
1. Im Schriftsatz vom 20. August 1978 hat die
Beklagte die Aufrechnung mit diesen Ersatzansprüchen erklärt,
die sie damit rechtfertigt daß sie infolge der Aussperrung Lieferaufträge
nicht habe erfüllen können und ihrerseits an die Firma L. 70
000 DM Schadensersatz zuzüglich 7700 DM Mehrwertsteuer und an die
Firma Sch. 156 000 DM Schadensersatz und 17 160 DM Mehrwertsteuer habe
zahlen müssen.
2. Dazu hat das Berufungsgericht ausgeführt,
diese Ansprüche seien nicht begründet. Zwar könnten wegen
der Entziehung des Besitzes an der Mietsache im Juni 1974 Ersatzansprüche
aus unerlaubter Handlung gegen die Klägerin (§ 823 Abs. 1,823
Abs. 2 in Verbindung mit § 858 BGB) erwachsen sein. Die Klägerin
habe die Ansprüche jedoch - auch nach der Erörterung in der mündlichen
Verhandlung in der Berufungsinstanz - nicht ausreichend substantiiert (wird
ausgeführt).
3. Dagegen wendet sich die Revision und macht
geltend, das Berufungsgericht habe die Darlegungslast erheblich überspannt.
4. Auf die Berechtigung dieser Rüge käme
es allerdings dann nicht an, wenn die Frage, ob ein nichtberechtigter Besitzer
(hier: ein wirksam ,,gekündigter« Mieter, Untermieter) Schadensersatz
für die vereitelte Nutzungsmöglichkeit der Mietsache vom Berechtigten
(Eigentümer, Vermieter) verlangen kann, selbst dann verneint werden
müßte, wenn dieser eine verbotene Besitzstörung begangen
hat.
a) Die von der Klägerin am 24. Mai 1974 ausgesprochene
fristlose Kündigung hat unstreitig das Mietverhältnis zwischen
ihr und der Firma A. im Zeitpunkt des Zugangs der Kündigungserklärung
bei der Mieterin - spätestens am 29. Mai 1974 - beendet. Von diesem
Zeitpunkt an hatte die Klägerin gegenüber der Beklagten Anspruch
auf Herausgabe der Mietsache gemäß §§ 556 Abs. 3,985
BGB. Das Gesetz bestimmt, daß der Untermieter, ohne daß zwischen
ihm und dem (Haupt-) Vermieter vertragliche Beziehungen begründet
werden, der vertraglichen Herausgabeschuld des (Haupt-)Mieters beitritt
(vgl. Soergel/Siebert/Mezger, BGB 10. Aufl. § 556 Rdn. 16 m. w. Nachw.;
BGB-RGRK 12. Aufl. § 556 Rdn. 17). Mit dem Entstehen der Rückgabepflicht
aus dem Hauptmietvertrag die auch den Untermieter trifft, erlischt sein
Recht zum Besitz und seine Befugnis, die Mietsache im eigenen Interesse
weiter zu nutzen. Festzuhalten ist im Hinblick auf die eingangs gestellte
Frage bereits an dieser Stelle, daß das Recht zur Benutzung einer
Mietsache über das - bloße - Recht zum Besitz hinausgeht. So
hat der zur Geltendmachung eines Zurückbehaltungsrechts an einer (beweglichen)
Mietsache Befugte ein Recht zum Besitz, darf sie aber nicht benutzen (vgl.
Senatsurteil BGHZ 65,56).
b) Gegenüber der verbotenen eigenmächtigen
Besitzentziehung, die sich die Klägerin durch ihr Verhalten zwischen
dem 4. und 19. Juni 1974 hat zuschulden kommen lassen, hat die Beklagte
zwar im einstweiligen Verfügungsverfahren Besitzschutzrechte mit Erfolg
geltend gemacht. Diese Rechte erschöpfen sich indessen darin, verbotene
Übergriffe rückgängig zu machen und den eigenmächtig
Handelnden in die Bahnen des justizförmlichen Verfahrens zur Durchsetzung
seines Rechts auf Herausgabe - hier der Mietsache - zu zwingen. Der Beschluß
des Amtsgerichts vom 10. Juni 1974 im einstweiligen Verfügungsverfahren,
in welchem der Antragsgegnerin (= Klägerin) aufgegeben worden ist,
die Mieträume herauszugeben und dem Antragsteller (der Beklagten)
und seinen Angestellten den Besitz daran einzuräumen, hat weder ein
Recht zum Besitz noch gar ein Recht zur Nutzung der Halle geschaffen. Die
Rechtsordnung schützt auch den materiell nichtberechtigten Besitzer
gegen verbotenes eigenmächtiges Handeln des Berechtigten.
c) Die Frage, ob nur der berechtigte Besitzer
im Falle verbotener Besitzentziehung oder Besitzbeeinträchtigung Anspruch
auf Ersatz daraus entstandenen Schadens hat oder ob in solchen Fällen
auch der nicht berechtigte Besitzer einen Ausgleich verlangen kann, ist
umstritten (BGH Urteile vom 29. September 1958 - VII ZR 121/57 = WM 1958,1481
und vom 9. März 1976 - VI ZR 137/74 = WM 19%, 583 m. Nachw. über
den Stand der Meinungen), braucht jedoch im vorliegenden ebensowenig wie
in dem am 9. März 1976 entschiedenen Falle beantwortet zu werden.
Hier wie dort wird Nutzungsschaden, also die Einbuße geltend gemacht,
die in der Beeinträchtigung der Möglichkeit liegt, die Sache
zu gebrauchen (BGH Urteil vom 9. März 1976 aaO S. 584). Der VI. Zivilsenat
des Bundesgerichtshofs hat auch diese Frage offen lassen können. In
dem zitierten Urteil heißt es immerhin, es spreche vieles für
die Annahme, daß der Besitz beeinträchtigte Ersatz des Nutzungsschadens
nur dann fordern könne, »wenn ihm ein Recht zur Nutzung zustand«.
Besonders großen Zweifeln unterliege es, ob der nichtberechtigte
Besitzbeeinträchtigte vom Nutzungsberechtigten Ersatz von Nutzungsschaden
verlangen könne (aaO S. 584).
Der erkennende Senat hat im Urteil BGHZ
73, 355, 362 den in jener Sache vom Oberlandesgericht eingenommenen
Standpunkt gebilligt, der damalige Kläger habe zu dem Zeitpunkt, von
dem ab er Nutzungsausfall verlangt habe, kein Recht zum Besitz des ihm
eigenmächtig weggenommenen Pferdes und daher auch kein Recht auf Nutzung
mehr gehabt. Als Anspruchsgrundlage kamen für diese Entscheidung nur
§ 823 Abs. 1 BGB, sowie § 823 Abs. 2 in Verbindung mit §
858 BGB (Verletzung des unmittelbaren Besitzes durch verbotene Eigenmacht)
in Betracht. Ersatz wegen der Beeinträchtigung der Möglichkeit,
die Sache zu gebrauchen (das Pferd zu reiten), könne derjenige, dem
ein Recht auf Nutzung nicht zugestanden habe, von dem zur Nutzung Berechtigten
nicht verlangen, auch wenn dieser ihm den Besitz im Wege verbotener Eigenmacht
entzogen habe. In einem solchen Fall sei der Besitzer verpflichtet, die
Nutzung zu unterlassen und dem Berechtigten die Nutzungsmöglichkeit
einzuräumen. Aus den Besitzschutzvorschriften, die - wie schon gesagt
- nur verhindern sollen, daß der Berechtigte den Zustand, auf den
er Anspruch hat, eigen mächtig herbei- führt, lasse sich nichts
Gegenteiliges herleiten (aaO S. 362). An dieser Ansicht wird festgehalten.
Sie hat ihre Berechtigung nicht nur für den seinerzeit entschiedenen
Sachverhalt des vereinbarten Nutzungsrechts (Reiten des Pferdes, um es
zu testen) im Rahmen eines Kaufvertrages mit Umtauschbefugnis, sondern
gilt auch im Mietrecht, und zwar ab dem Zeitpunkt, in dem die Mietsache
gemäß § 556 BGB zurückzugeben ist. Aus der Sanktionsregelung
des § 557 BGB für den Fall und die Dauer der Vorenthaltung der
Mietsache folgt, daß das Gesetz unberechtigten Besitz und unberechtigte
Nutzung der Mietsache mißbilligt. Deshalb wäre es, worauf Wieser
(NJW 1971,597) zutreffend hingewiesen hat, geradezu widersprüchlich,
wenn der unberechtigte Besitzer einen Ausgleich für seinen Nutzungsschaden
vom berechtigten Vermieter sollte verlangen können.
Auch aus den Vorschriften der §§ 987
ff BGB über das Verhältnis zwischen Eigentümer und Besitzer
kann nicht, wie Pieper (Festschrift zum 150jährigen Bestehen des Oberlandesgerichts
Zweibrücken 1969,254 ff) offenbar meint, ein Nutzungsrecht des nichtberechtigten
Besitzers hergeleitet werden. Die Wohltat, daß das Gesetz dem redlichen
nichtberechtigten Besitzer gezogene Nutzungen beläßt, bedeutet
nicht, daß er einen Anspruch auf Nutzung hätte, dessen Beeinträchtigung
den Eigentümer ihm gegenüber verpflichtete, Schadensersatz zu
leisten. Einer abschließenden Beurteilung dieser Frage bedurfte es
hier indessen nicht, weil die Beklagte bösgläubig war, und zwar
spätestens ab 29. Mai 1974.
d) Da es im vorliegenden Fall nur um den Ersatz
von Schäden geht, die der Beklagten im Juni 1974 infolge der verbotenen
Eigenmacht entstanden sein sollen, braucht nicht auf die Frage eingegangen
zu werden, welche Bedeutung dem Umstand zukommt, daß der Beklagten
im Räumungsprozeß eine Räumungsfrist von zwei Wochen ab
Rechtskraft des Urteils vom 26. Juli 1974, welche mit Zurückweisung
ihrer Berufung gegen die Entscheidung des Amtsgerichts am 27. November
1974 eingetreten ist, zugebilligt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war der angebliche
Schaden bereits eingetreten. Davon abgesehen hätte das Prozeßgericht
eine Räumungsfrist nach § 721 ZPO überhaupt nicht bewilligen
dürfen, weil nicht auf Räumung von Wohnraum erkannt worden ist.
Für eine Entscheidung nach § 765a ZPO war es unzuständig.
Sie ist dem Vollstreckungsgericht vorbehalten. Schließlich dürfte
selbst aus einer nach den Regeln des Verfahrensrechts zulässigen Räumungsfrist
nach § 765a ZPO, die zur Räumung bewilligt wird und aus diesem
Grunde die Zwangsvollstreckung hinausschiebt, kein materielles Besitzrecht
und erst recht keine Nutzungsbefugnis bezüglich des herauszugebenden
Gewerberaumes herzuleiten sein. Nach Lage der Sache braucht indessen auf
hiervon abweichende Standpunkte in der Literatur (Pieper aaO; Wieser aaO;
Medicus AcP 165,120 ff) nicht näher eingegangen zu werden.
e) Die zur Aufrechnung gestellten Gegenforderungen
von 70 000 DM zuzüglich Mehrwertsteuer und von 156 000 DM zuzüglich
Mehrwertsteuer (= angeblicher Schaden der Beklagten aufgrund aussperrungsbedingter
Nichterfüllung von Lieferungsaufträgen der Firmen L. und Sch.)
sind deshalb bereits mangels eines Nutzungsrechts der Beklagten unbegründet.
5. Ersatz für entgangenen Gewinn aus den
Aufträgen L. und Sch. steht der Beklagten aus den unter 4. dargestellten
Gründen ebenfalls nicht zu.
6. Aus denselben Gründen scheidet schließlich
auch eine Ersatzpflicht der Klägerin aus dem Gesichtspunkt eines unerlaubten
Eingriffs in den eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb der
Beklagten aus.