Zugang einer Willenserklärung - Zugang beim Empfangsvertreter (passive
Stellvertretung); Zeitpunkt des Zugangs bei Ablage im Postfach des
Empfängers; Arglist des Absenders
BGH, Beschluß vom 31. Juli 2003 - III ZR
353/02
Fundstelle:
NJW 2003, 3270
Zentrale Probleme:
s. dazu die Anm. zu
BGH NJW 2002, 1041. Zum Empfangsboten s.
BGH NJW 1994, 2613; zur Frage des Zugangs bei
einem nicht abgeholten Einschreibebrief sowie der Problematik der
Zugangsvereitelung durch den Empfänger s.
BGH NJW 1998, 976 ff. Zum Zeitpunkt des Zugangs
s. BGH NJW 2008, 843.
Amtl. Leitsatz:
Eine Willenserklärung geht der GmbH auch dann zu, wenn das Schriftstück in
ein privates Postfach ihres Geschäftsführers gelegt wird.
Gründe:
Die damalige Firma CCD
Werbeagentur H. E. in M. (Österreich) schloß im Jahre 1990 mit der Beklagten
einen Rahmenvertrag, durch den der Firma E. das Recht eingeräumt wurde,
Anzeigen für die Österreich-Ausgabe der Zeitschrift B. zu akquirieren und
sie in einem den Zeitschriften beigefügten Hefter zu veröffentlichen. Die
Vereinbarung galt zunächst bis zum 31. Dezember 1991, sie sollte sich aber
jeweils um ein weiteres Kalenderjahr verlängern, wenn sie nicht mit einer
Frist von zwei Monaten schriftlich gekündigt wurde. Ende 1991 wurde der
Geschäftssitz der Firma E. nach W. (Österreich) verlegt und die Einzelfirma
E. anschließend in die CCD Werbeagentur E. GmbH umgewandelt. Die Beklagte
bestätigte den Übergang des Vertrags auf die GmbH und führte die weitere
Korrespondenz mit der Klägerin unter der neuen Adresse in W.
Mit einem an die Firma CCD Werbeagentur H. E. in M. gerichteten Schreiben
vom 6. Oktober 1998 kündigte die Beklagte das Vertragsverhältnis. Das
Schriftstück gelangte nach den Feststellungen des Berufungsgerichts
spätestens am 19. Oktober 1998 in ein vom Geschäftsführer der Klägerin noch
in M. unterhaltenes privates Postfach, das er nur in Abständen von zwei bis
drei Monaten leerte. Dort wurde der Brief am 2. Dezember 1998 vorgefunden.
Die Parteien streiten um die Frage, ob die Kündigung der Beklagten
fristgemäß zum Ende des Jahres 1998 erfolgt ist. Die Vorinstanzen haben dies
bejaht und die Schadensersatzklage der Klägerin abgewiesen. Mit ihrer
Beschwerde erstrebt die Klägerin die Zulassung der Revision.
II. Die Nichtzulassungsbeschwerde ist unbegründet. Weder hat die Rechtssache
grundsätzliche Bedeutung noch ist zur Fortbildung des Rechts oder zur
Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des
Revisionsgerichts erforderlich (§ 543 Abs. 2 ZPO).
1. Nach Auffassung der Beschwerde hat das Berufungsgericht schon übersehen,
daß die Beklagte mit ihrem an die Einzelfirma E. gerichteten Schreiben
überhaupt keine Kündigungserklärung gegenüber der Klägerin abgegeben habe.
Die Beschwerde sieht darin eine Verweigerung rechtlichen Gehörs und hält
zudem das Berufungsurteil insoweit für objektiv willkürlich. Dem kann nicht
beigetreten werden. Das Berufungsgericht hat ersichtlich, ohne dies
ausdrücklich zu sagen, die Kündigungserklärung dahin ausgelegt, daß
Adressatin die Klägerin als die neue Vertragspartnerin der Beklagten sein
sollte. So hat es die Klägerin seinerzeit auch selbst verstanden. Eine
solche Beurteilung steht im Einklang mit den Grundsätzen über die Person des
Erklärenden oder des Vertragsgegners bei unternehmensbezogenen Geschäften
(vgl. Palandt/Heinrichs, BGB, 62. Aufl., § 164 Rn. 2 m.w.N.) und ist
rechtlich nicht zu beanstanden.
2. Die Nichtzulassungsbeschwerde hält es weiter für klärungsbedürftig, ob
Willenserklärungen einer GmbH auch dann wirksam zugehen, wenn sie in das
private Postfach des Geschäftsführers eingelegt werden. Zur Klärung dieser
Frage bedarf es indessen keiner Zulassung der Revision. Sie beantwortet sich
in Übereinstimmung mit dem Berufungsurteil ohne weiteres aus den
gesetzlichen Vorschriften. Maßgebend sind, soweit es um die
Vertretungsbefugnis des Geschäftsführers E. geht, die Bestimmungen des
österreichischen Rechts. Im übrigen gilt nach Art. 27, 32 Abs. 1 Nr. 4 EGBGB
deutsches Recht, da die Parteien ihr Vertragsverhältnis insgesamt dem
deutschen Recht unterstellt haben.
a) Nach § 130 Abs. 1 Satz 1 BGB wird eine empfangsbedürftige, in
Abwesenheit des Empfängers abgegebene Willenserklärung wirksam, wenn sie dem
Empfänger zugeht. Zugang an einen Empfangsvertreter genügt (§ 164 Abs. 3
BGB); bei einer GmbH ist dies insbesondere der Geschäftsführer als ihr
gesetzlicher Vertreter (hier: § 18 Abs. 1 und 4 öGmbHG). Es reicht daher
aus, daß die Zugangsvoraussetzungen in der Person des Geschäftsführers
erfüllt sind, ohne daß es weiter darauf ankommt, ob diesen die
Willenserklärung, wie üblich, innerhalb des Geschäftsbetriebs der GmbH oder
ausnahmsweise in seiner privaten Sphäre erreicht. Entscheidend für
eine wirksame passive Stellvertretung ist allein, daß der Empfänger insoweit
Vertretungsmacht hat (Münch-Komm/Schramm, BGB, 4. Aufl., § 164 Rn. 133;
s. ferner Staudinger/Schilken, BGB, Neubearbeitung 2001, § 164 Rn. 22).
Daran ist hier nicht zu zweifeln.
b) Bei der Einlegung von Post in ein Postschließfach geht der Brief dem
Inhaber an dem Tage zu, an dem nach der Verkehrsanschauung mit einer
Abholung zu rechnen ist (BGH, Urteil vom 19. Januar 1955 IV ZR 160/54 -
LM Nr. 2 zu § 130 BGB). Auf eine verspätete Kenntnis wegen verzögerter
Leerung kann er sich dann nicht berufen. Unter gewöhnlichen Umständen wird
ein Postfach täglich oder doch jedenfalls in kurzen zeitlichen Abständen
geleert. Rechtsfehlerfrei hat auf dieser Grundlage das Berufungsgericht im
Streitfall den Oktober als spätesten Zugangszeitpunkt festgestellt.
3. Bei dieser Sachlage ist lediglich noch zu prüfen, ob sich die Beklagte
nach Treu und Glauben deshalb nicht auf einen Zugang ihrer Kündigung vor
November 1998 berufen könnte, weil sie das Kündigungsschreiben nicht nur an
den falschen Empfänger, sondern vor allem auch an eine seit Jahren nicht
mehr gültige Adresse gerichtet hat. Das Berufungsgericht hat diese Frage
verneint, weil die Beklagte nicht arglistig gehandelt habe. Das ist frei von
Rechtsfehlern, ganz abgesehen davon, daß die Nichtzulassungsbeschwerde auch
insoweit eine allgemeine Bedeutung der Sache und mithin einen
Zulassungsgrund nicht darzulegen vermag.
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